Ausgabe #1

 Extremtauchen in Faldirs Bucht

Der Wind fegte uns kalt ins Gesicht, als wir früh am Morgen in der Ferne die Zelte des Allianzstützpunktes „Die Zuflucht" näher rücken sahen. Ich vergrub meine Hände tief in den weichen Federn des Greifen und freute mich schon auf das Feuer, an dem wir uns gleich aufwärmen würden. Direkt hinter mir flog Grazzan. Ihn hatte ich vor einigen Jahren auf dem Tauchertreffen am Dampfdruckpier kennen gelernt und seitdem zogen wir regelmäßig aus, die Unterwasserwelt Azeroths zu entdecken. Mein Greif setzte zur Landung an, und ich glitt sanft hinunter. Nach einem herzlichen Gruß an Cedric den Greifenmeister lief ich rasch zu Ironwill hinüber, um noch einige Teile meiner Ausrüstung reparieren zu lassen, bevor wir uns in dieses neue Abenteuer stürzten.

Heute hatten wir etwas ganz Besonderes vor. Wir wollten die Küste Arathis erkunden. Wir hatten schon viel von den versunkenen Schiffen und den Ruinen tief im Meer gehört und wollten sie heute endlich selbst einmal erforschen. Ich schnürte also meinen Rucksack fester und schaute zu Grazzan hinüber, der eben noch von Narj Deepslice etwas Proviant kaufte. Er nickte mir zu und steckte die soeben erworbenen Fleischstücke schnell in seinen Rucksack. Und schon konnte es losgehen. Wir folgten der Straße in Richtung Südwesten, um dann kurz vor einem großen Steingebilde nach Süden abzubiegen. Um den großen Kreis herum sahen wir viele Erdelementare patrouillieren. Grazzan erzählte mir von einer gefangenen Prinzessin, die nur durch die Schlüssel der drei Elementarkreise in Arathi befreit werden könne. Wir machten allerdings einen großen Bogen um die wütenden Elementare, schließlich waren wir nicht hier, um Heldentaten zu vollbringen, wir wollten das Meer entdecken. Jedoch gab es auf dem Weg dorthin auch schon viel zu sehen. Vor uns erhoben sich die mächtigen Mauern der Burg Stromgarde. In der Zuflucht hatte man uns gewarnt, diese nicht zu betreten, da sie zur Zeit von Lord Falconcrest und seinen Anhängern des Syndikats besetzt gehalten wurde. Wir gingen also im Schatten dieses geschichtsträchtigen Ortes entlang bis sich uns schließlich ein schimmerndes Bild darbot: Vor uns lag endlich das Meer, so blau und strahlend wie an kaum einem anderen Ort.

 Piraten ahoi!

Nachdem ich noch schnell eine wilde Stahlblume von den Klippen gepflückt hatte, gingen wir durch eine kleine Höhle hindurch und zu Faldirs Bucht hinunter. Auf der rechten Seite sahen wir schon die großen Masten der ehemals stolzen Schiffe aus dem Wasser ragen. Noch bevor wir unsere Tauchausrüstung anlegten, schwammen wir schnell auf die andere Seite der Bucht. Lolo der Oger hielt gerade Wache und sagte uns, wir sollten doch einmal mit Kapitän Shaakes O'Breen reden. Er erzählte uns von den versunkenen Schätzen der zwei Schiffe, die er vor der Bucht verloren hatte. Unsere Aufregung wurde aber etwas von den Geschichten Kapitän Steelguts gemindert als er von gefährlichen Naga berichtete. Wir beschlossen, hier kein Risiko einzugehen, schließlich wollten wir ja noch in einem Stück nach Hause kommen. Doktor Phizzlethorpe bat uns schließlich, bei unseren Tauchgängen nach elfischen Edelsteinen Ausschau zu halten.

Wir legten also unsere Taucherausrüstung an. Grazzan war die letzen Wochen fleißig gewesen und hatte seine Ingenieurskunst weiter verfeinert. So konnte er heute mit vielen neuen und überaus hilfreichen Dingen aufwarten. Stolz präsentierte er mir seinen Taucherhelm, mit dem er unter Wasser atmen konnte. Ich packte meine Tränke aus und meinte, dass diese mir reichen müssten. Und schon konnten wir loslegen. Wir stiegen also in das kalte Wasser hinab und machten ein paar vorsichtige Schwimmzüge. Das Rauschen der Brandung war verstummt und wurde durch das gleichmäßige Blubbern der aufsteigenden Luftbläschen ersetzt. Vor uns tauchten die ersten Korallen auf, als wir uns langsam in Richtung der Schiffswracks vorwärts bewegten. Ein Schwarm Gelbschwänzer zog an uns vorbei, und vereinzelt konnten wir auch ölige Schwarzmäuler und Feuerflossenschnapper erkennen. Als wir uns den Ruinen am Meeresboden näherten, ergriff Grazzan meinen Arm. Er machte mir Zeichen zu warten. Tatsächlich schwamm neben dem riesigen Meeresstern ein Daggerspine Naga. Mein Herz klopfte wie wild, noch nie hatte ich solch eine Kreatur aus der Nähe gesehen! Ich spürte den Drang, ihn weiter zu beobachten, noch ein Stückchen näher zu schwimmen… Plötzlich drehte sich der Naga zu uns um. Völlig erschreckt versuchten wir zu fliehen. Ein stechender Schmerz durchfuhr mich, als der gezackte Speer der gefährlichen Kreatur mein Bein aufschlitzte. Grazzan wandte sich dem Naga zu und schoss einen Frostblitz in seine Richtung, während er mich hinter sich herzog. Der Frostblitz schien den ärgerlichen Naga ausreichend verlangsamt zu haben, so dass er sich wohl dachte, es lohne sich nicht, uns weiter zu verfolgen. Mit einer eleganten Bewegung verschwand er hinter einer großen Fächerkoralle.

 Tief durchgeatmet

Wir rasteten auf einem Stein, und Grazzan beugte sich über meine Verletzung und verband sie geschickt. Staunend betrachtete ich die magiegewirkten Verbände und schaute etwas verschämt auf meine seidenen. "Wann hast du denn die Zeit gefunden, den Fortbildungskurs in Erste Hilfe zu machen?" fragte ich ihn. Er zuckte nur mit den Achseln. "Irgendwo findet sich immer etwas Zeit… und es hat sich ja gelohnt, wie man sieht", sagte er mit einem gut gemeinten Zwinkern in den Augen.

Wir beschlossen, für den Rest des Tages einen weiten Bogen um die Naga zu machen, und starteten erneut in die Tiefe hinab. Kurz darauf sahen wir schon den ersten Edelstein am Boden blinken. Grazzan packte ihn in seine Tasche und wir schwammen weiter durch die Ruinen hindurch. Wir fanden noch einige Edelsteine, und ich besorgte mir einen guten Vorrat an Würgetang, während Grazzan sich über die Eisen- und die paar seltenen Mithril-Vorkommen am Meeresboden freute. Es war schon später Nachmittag, als wir beschlossen, wieder zurückzuschwimmen.

Professor Phizzlethorpe freute sich sehr über die Edelsteine, die wir bei ihm ablieferten, und gab jeden von uns ein kleines Geschenk. Wir wärmten uns noch etwas am Feuer auf und tranken einen guten Grog mit den Seeleuten, bevor wir uns auf den Heimweg machten. Es war ein anstrengender Tag gewesen, aber ich hatte auch wieder viel zu erzählen. Ich konnte es kaum erwarten, meinen Freunden morgen von meinen Erlebnissen zu berichten. Ich verabschiedete mich herzlich von Grazzan und versprach, mich schon sehr bald wieder bei ihm zu melden. Wohin es das nächste Mal gehen sollte, stand zwar noch nicht fest, aber ich war mir sicher, dass es genauso spannend und zugleich schön sein würde.

Eure Stezzle

 
USK