Ausgabe #1

 Von Magiern und Schurken

Irgendwo in den Marschen von Dustwallow…

„Ich sag dir Gor, das wird niemals klappen! Warum schlägst du dir diese absurde Idee nicht endlich aus dem Kopf?!”

„Warum nicht?” kam gleich darauf die Erwiderung. “Sage mir, warum es unmöglich sein soll, dass wir ein guter Schurke werden?”

Garo stöhnte und fing an, Gründe an ihren Fingern abzuzählen. „Erstens, weil wir fast drei Meter groß sind...“

„Pff!“ kam wie erwartet die Antwort.

„Zweitens, wir wiegen soviel wie ein Kodo!“ ein weiteres abfälliges Schnauben folgte.

„Drittens, ...“ Er brach ab. „Ach, komm schon Gor, hast du in all den Jahren je eine Geschichte gehört von einem OGER, der Schurke ist? Dazu noch einem doppelköpfigen OGER! Warum lernst du nicht die arkanen Künste unseres Volkes, so wie ich es tue? So wie Vater es immer gewollt hat?“

„Ja, ja, jaaa... du warst ja schon immer Papas Liebling!“ nörgelte Gor und Garo konterte mit vorwurfsvollem Ton. „Na und! Dafür hat unsere Mutter dich mehr geliebt als mich!“

Die beiden Köpfe des großen Ogers stritten sich noch eine Zeit lang weiter, bis sich jedes Haupt schließlich – beleidigt von dem anderen – demonstrativ in eine andere Richtung wandte.

So stand Garo´Gor – ein blauhäutiger Oger mit zwei Köpfen – mit über seinem gewaltigen Bauch verschränkten Armen, schmollend auf dem kleinen Hügel.

Nach einer Weile wandte sich Gor wieder um, „Ach, komm schon Garo… Lass es uns doch wenigstens versuchen! Ich werde dafür versuchen, nicht mehr zu schnarchen, wenn du wieder mal nachts über deinen Runentafeln brütest. Außerdem wird es nicht lange dauern, wenn du mir hilfst. Wir haben also noch genug Zeit, etwas zu essen zu besorgen, wenn mein Raubzug geklappt hat.“

„Ja, klar. Wenn uns die Menschen bei deinem Unterfangen nicht töten!“ Plötzlich mussten beide ob dieses absurden Gedanken – dass ein Mensch einen ausgewachsenen Oger töten könnte – laut lachen und die Spannung war verflogen.

„Na gut. Ich helfe dir. Wie genau schaut dein Plan aus?“

„Du überlässt mir die komplette Kontrolle über unseren Körper. Mit meiner pantherhaften Geschicklichkeit werde ich mich zu dem betrunkenen Wachposten“ – er deutete auf den Soldaten, der sich in einiger Entfernung schwer auf seinen Speer stützte – „hinschleichen. Wenn ich nahe genug bin, werde ich, dank meiner katzenhaften Reflexe, seinen Goldbeutel stehlen und dann verschwinden wir zurück in den Sumpf.“

Haben die Tiere, zu denen deine Beweglichkeit passt, nicht eher einen Rüssel? wollte Garo schon bissig bemerken, verkniff es sich jedoch im letzten Moment und setzte zu konstruktiverer Kritik an.

„Gor, … wenn der Mann dich NICHT beim Anschleichen hören sollte, ist er entweder taub oder so betrunken, dass er sowieso in ein paar Minuten tot umfällt!“

Zuerst wollte Gor widersprechen, aber dann hatte er eine Idee. „Garo… hast du nicht neulich den Zauber des Eisblitzes gelernt…“

„Ja, aber du willst doch nicht, dass…“

„Doch will ich! Ich werde mich so nahe an ihn schleichen wie möglich dann sprichst du den Zauber und frierst den Soldaten ein. Auf die Art kann er uns unmöglich hören oder irgendwie reagieren!“

„Gut“, willigte Garo ein, „aber ich kann den Zauber nicht lange aufrechterhalten. Sobald du seinen Beutel gestohlen hast, musst du die Beine in die Hand nehmen und anfangen zu laufen.“

Gesagt – getan. Garo lies sich geistig zurückfallen – so als würde man sich in einen Sessel fallen lassen – und überließ Gor die Kontrolle über ihren Körper. Dieser schlich sich – mit der Grazie einer Seekuh wie Garo fand – an den alleine stehenden Wachposten heran.

Als sie noch gut ein dutzend Meter entfernt waren, sprach Garo den Zauber des Eisblitzes und ein Frostpanzer überzog augenblicklich den Körper des Soldaten.

Zu Gors Ehrenrettung sollte man erwähnen, dass seine Schritte fast keine Vibrationen auf dem Boden verursachten, was für einen Oger schon eine beträchtliche Leistung war…

Gor ging hinter dem Mann in Stellung und griff mit zwei Fingern – beide so dick wie der Unterarm eines Kindes – nach dem Beutel… und sah plötzlich eine Patrouille um die Ecke kommen.

In wilder Panik packte er den Beutel, drehte sich um und rannte was das Zeug hielt in Richtung Sumpf. Nach ein paar hundert Metern bemerkte er, dass Garo wild mit den Augen rollte, und bei dem Versuch, zu sprechen, kleine Eisstückchen ausspuckte. Anscheinend hatte der Eisblitzspruch ein paar unangenehme Nebenwirkungen auf Garo gehabt. Allerdings war klar, dass er die Aufmerksamkeit auf etwas in ihrer Hand zu lenken versuchte.

Als Gor hinunterblickte, sah er, dass er den Goldbeutel noch immer fest umklammert hielt… Nur dummerweise hing an diesem noch immer der Wachposten! Offenbar - wurde Gor mit einem Schlag klar - waren der Gürtel und der Beutel fest miteinander verbunden! Genau in diesem Moment schmolz der Eispanzer und Schreie gellten durch den Sumpf!

„AHHH!“schrie der Wächter…
„UGH!“ stöhnte Gor…
„IDIOT!“ schimpfte Garo…
„DORT!“ rief die Patrouille…

Durch die Überraschung von Gor gelang es Garo wieder, die Kontrolle über ihren Körper zu bekommen und – für einen Magier eher unwürdig wie Garo dachte – dem Menschen die Faust auf den Schädel zu donnern. Dieser wurde sofort ohnmächtig von dem Schlag und beide flohen mit dem bewusstlosen Mann über der Schulter in die Marschen.

Nachdem sie eine halbe Stunde wild durch den Sumpf gelaufen waren, um mögliche Verfolger abzuschütteln, kam ihr Dorf Brakenwall in Sicht. Beide Köpfe hatten – der eine wütend, der andere beschämt – die ganze Zeit geschwiegen. Schließlich brach Gor die Stimmung und meinte… „Na ja, ein Gutes hatte die Sache ja…"

Abrupt blieben sie stehen und Garo wandte seinen Kopf Gor zu, so dass beide Nase an Nase waren. „WAS, bitte schön war an dieser Aktion gut?“ explodierte Garo.

„Wir haben wenigstens etwas vernünftiges zu essen besorgt.“ meinte er und hob demonstrativ den schlaffen Körper des Mannes in die Höhe.

„Idiot!“ kam die Antwort…

Doch das knurren aus ihrem Bauch strafte den bösen Tonfall lügen…

Und die Moral von der Geschicht? Ogerschurken gibt es nicht...

 
USK