Ausgabe #1

 Tief unter der Erde

Pah! Da war es wieder, das unverschämte Lachen dieses dreckigen Ogers! Sicher, Elfen sind etwas hochnäsig und tragen gerne etwas auf, wenn sie von ihren Heldentaten berichten. Aber wenigstens stinken sie nicht so sehr wie dieser Oger, der noch nach Fischgräten riecht, wenn er nur den Mund aufmacht! Todesminen – allein dieser Name verspricht Abenteuer und Gefahr. Nicht, dass ich darauf stehe, in die Klingen irgendwelcher wildgewordener Menschen zu laufen, aber als der Elf am Lagerfeuer von Goblins sprach, die dort anzutreffen seien, war meine Neugier geweckt. Man sagt schließlich, jede Geschichte habe ihren wahren Kern. Und genau diesen wollte ich nun herausfinden. Und so packte ich meinen Reiserucksack, mit ein wenig Brot und frischem Quellwasser unter dem Gelächter des Ogers, der das ganze für eine erfundene Geschichte hielt. Aber Oger sind ja bekanntlich nicht gerade die hellsten Köpfe, und so machte ich mich auf, meine goblinschen Verwandten zu finden und ihm das Gegenteil zu beweisen.

In Westfall angekommen war ich verblüfft über die Bedrückung, die auf den Menschen hier zu lasten schien. Überall schauten mir mürrische, von Sorgen gezeichnete Gesichter entgegen. Ein Land der Bauern, viel Acker, wenig Menschen und besonders viel Gegend ist hier anzutreffen. Abgesehen von ein paar Wölfen, Geiern und Wildschweinen tummeln sich ab und an ein paar Gnolle und Schurken herum, die einen Reisenden, wenn er nicht acht gibt, sein Hab und Gut und manchmal auch das Leben nehmen. Nachdem ich eine altes Bauernweib nach dem Weg gefragt hatte, fand ich schließlich im Süden des Landes die verfallene Stadt Mondbruch. Dort irgendwo seien die Todesminen. Lange brauchte ich nicht lange suchen – Ich wurde kurzerhand von ein paar räudigen Dieben und Strolchen mit einem Dolch an meiner Kehle in die richtige Richtung geschubst. So was nennt man bei Menschen Gastfreundlichkeit!

In einem der verfallenen Häuser am Rande des zerstörten Dorfes wurde ich dann in den oberen Stock bugsiert, von wo aus es durch einen Schacht in die Erde hinein ging. Ein perfektes Versteck für Diebe und Mörder! Am Ende des Tunnels wurde ich dann erst mal aller meiner Dinge entledigt. Bevor man mir jedoch das Lebenslicht auch noch nehmen konnte, begann ich, wortreich und laut von meinem Wunsch zu erzählen, dieser sagenumwobenen Gruppe, der Defiasbruderschaft, beizutreten. Nach langem Hin und Her und viel Angstschweiß wurde beschlossen, mich in die Reihen der Defias aufzunehmen und mir somit den Zugang zu allen Bereichen zu ermöglichen, wenn ich der Bruderschaft auf mein Blut ewige Treue schwöre (und mindestens 10 neue Mitglieder pro Woche werben würde, da es anscheinend eine recht hohe Sterblichkeitsrate unter den Defias gab und gibt). Bang um mein Leben stimmte ich zu und begann, fortan unbehelligt das Höhlensystem zu erkunden.

 Seltsame Begegnungen

Nach einem langen Gängen- und Stollenbau kam ich in einem Raum, in dem mehrere Goblins ihr Tageswerk verrichteten. Erstaunt und erfreut, vertraue Gesichter zu sehen, fragte ich sie sogleich, was sie hier trieben. Sie berichteten begeistert, dass diese Menschen ihnen die Arbeit als Ingenieur angeboten hätten und einigermaßen gut bezahlt würden. Was die Menschen hier allerdings täten wüssten sie nicht, und es war ihnen auch egal. Voller Stolz präsentierte mir ihr Meister Sneed seine großartige Erfindung: Ein laufender Maschinenriese. Fasziniert und mit respektvollem Abstand bestaunte ich diese unsagbar große Leistung und verrengte mir dabei fast das Genick. Doch als Sneed mir vorführen wollte, was dieses Monstrum so alles kann, wurde mir doch ein wenig mulmig zumute.

Mit erhobenem Haupt erzählte er mir, dass sein Werk eine solche Begeisterungswelle ausgelöst habe, dass sich viele Ingenieure der tieferen Etagen einen persönlichen Arbeits- und Wachroboter gebaut hätten. Natürlich nur eine Miniatur des Originals. Ich solle dort doch mal fragen, ob sie mir nicht auch einen basteln könnten. Voller Begeisterung machte ich mich in die tieferen Etagen auf. .. und überlegte mir einen Namen für meinen baldigen Begleiter... Durch ein weiteres Tor gelangte ich nun in einem sehr überhitzten Raum, indem flüssiges Eisen in Massen von der Decke stürzte. Beeindruckt von dem Bild, dass sich mir darbot, als auch etwas gelähmt von der plötzlichen Hitze blieb ich mit offenem Munde stehen. Lachend fragte mich eine Stimme, ob ich neu hier wäre und er mich einarbeiten solle. Sogleich kamen wir ins Gespräch, und ich bat ihn um einen dieser Wächterroboter. Das wäre nicht nur ein Beweis für den Oger, sondern auch ein Objekt, um das mich jeder Goblin in Ratchet beneiden würde. Doch als ich meinen Wunsch vortrug, schüttelte mein Begleiter nur den Kopf und meinte, ich solle in drei Mondläufen wiederkommen; so auf die Schnelle sei kein gutes Werk zu vollbringen. Seufzend verabschiedete ich mich von meinen Träumen und ging weiter.

 *KAWUUUM*

Kurze Zeit später versperrte mir ein unglaublich großes und massives Eichentor den Weg. Da gerade niemand in der Nähe war und weit und breit nur eine einsame Kanone da stand, die unschuldig genau in die Richtung des Tores zu zielen schien, zündete ich kurzerhand ihre Lunte und warf mich Deckung suchend in die nächstgelegene Ecke. Trotz zugehaltener Ohren war der Lärm nicht zu überhören, und das anschließende Fiepsen in meinen Ohren lies noch eine habe Stunde später kaum nach. Zeternd umkreisten mich zwei aufgebrachte Goblins, die mir durch Rauchwolken und den Dunst herabfallender Splitter wütend zuriefen, was mir denn einfalle, die neu fertiggestellte Tür zu demolieren. Ich hätte mit einem Schlag zwei Wochen Arbeit vernichtet. Auch ein paar alarmierte Schurken der Defias knurrten mich wütend an, wer mich denn hier rein gelassen hätte. Unter großen Demutsgesten und viele Entschuldigungen murmelnd verkrümelte ich mich schnell auf die andere Seite des riesigen Tores.

Ein atemberaubender Anblick offenbarte sich mir. Ein unterirdischer Hafen...ein riesiges Schiff! Mitten unter dem Berg! Ein Meisterwerk der goblinschen Baukunst: überragend, unübertroffen und unserem Volk durchaus angemessen. Auf dem Steg herrschte reges Treiben. Viele Piraten und Seeleute liefen geschäftig zwischen Schiff und Steg und Steg und Land hin und her. Besonders gut gefielen mir ihre bunten Begleiter, und so konnte ich doch noch ein kleinen „Wächter“ mit nachhause nehmen. Loxa, meine kleine Papageiendame. Obwohl „Dame“ sicherlich in menschlichen Ohren eine Beleidigung wäre, wenn man sich ihren Wortschatz anhört....Ja, Loxa kann sprechen...nur was sie sagt, behalte ich lieber für mich.

Ich habe drei Tage gebraucht, um mir das Schiff von oben, unten, innen und außen anzuschauen. Auch wenn ich mit einigen der Goblins dort Freundschaft geschlossen habe und in den Todesminen wahre Wunder der Ingenieurskunst zu bestaunen sind, schlich ich mich dennoch eines Abends heimlich davon und kehrte den Todesminen und ihren verwinkelten Tunnels, Gängen und Stollen den Rücken. So kehrte ich schweren Herzens zurück nach Ratchet und musste mit Grummeln das feixende Gesicht des Ogers ertragen, der mir kein Wort meiner Geschichte glauben wollte. Pah, wer braucht schon einen muffigen Oger...

 
USK