Patch 1.11: Schatten der Nekropole

Weg zur Verdammnis


ch fange an, dieser fortwährenden Belästigungen überdrüssig zu werden. Ich befand mich gerade inmitten von wichtigen Studien hochempfindlicher Magie, deren Planung Wochen sorgfältiger Vorbereitungen und Rituale in Anspruch genommen hat.“ Seine Ankläger hatten Kel’Thuzad stundenlang warten lassen, bevor es ihm freundlicherweise genehmigt wurde, ihnen gegenübertreten zu dürfen. Diese Beleidigung erzürnte ihn bis aufs Äußerste. Bei den Sprechern der Gruppe handelte es sich anscheinend um Drenden und Modera, die schon immer zwei seiner lautstärksten Kritiker gewesen waren. Dennoch hätten sie es niemals gewagt, die neueste Inquisition ohne das Einverständnis von Antonidas durchzuführen. Dieser war allerdings nirgendwo zu erblicken. Was hatte der alte Mann vor?

„Das ist das erste Mal, dass ich Eure Art der Magie als ‚empfindlich’ bezeichnet gehört habe“, schnaubte Drenden.

„Die unwissende Meinung eines ungebildeten Mannes“, erwiderte Kel’Thuzad mit kalter Präzision.

Plötzlich sprach eine Stimme aus weiter Ferne zu ihm, die Stimme eines Freundes. Ihr Klang war ihm mittlerweile so vertraut, dass sie das Echo seiner eigenen Gedanken zu sein schien. Sie fürchten und beneiden dich. Schließlich erschließt sich dir dank deiner neuen Studien immer größeres Wissen und somit immer größere Macht.

Dann zuckte ein gleißender Lichtblitz auf und ein finster dreinblickender Erzmagier erschien in der Halle. Er hatte eine kleine hölzerne Truhe unter seinen Arm geklemmt. „Ich hätte es nicht glauben können, hätte ich es nicht mit meinen eigenen Augen gesehen. Ihr habt unsere Geduld zum letzten Male missbraucht, Kel’Thuzad.“

„Der ehrwürdige Antonidas erweist uns also endlich die Gunst seiner Anwesenheit. Ich glaubte schon, Ihr wäret vielleicht erkrankt.“

„Ihr fürchtet das Alter, nicht wahr? Und dennoch müsst Ihr Euch dessen bewusst sein, dass es unausweichlich ist.“

Soll er dies nur weiterhin glauben, wenn es ihn des Nachts besser schlafen lässt.

Antonidas schien sich etwas zu beruhigen und sagte: „Ihr hättet Euch keine Sorgen hinsichtlich meiner Gesundheit machen müssen. Ich war lediglich anderenorts beschäftigt.“

„Damit, meine Kammern nach Beweisen verbotener Magie zu durchsuchen? Ihr hättet es besser wissen sollen.“

„Es ist wohl wahr, dass Eure Kammern keinerlei solcher Beweise enthielten. Eure Lagerhäuser in den Nordlanden andererseits...“ Antonidas warf ihm einen angewiderten Blick zu.

Verdammt sollte er sein, für seine selbstgerechte Herumschnüffelei. „Ihr hattet keinerlei Recht...“

Antonidas ließ ihn verstummen, indem er mit seinem Stab auf den Boden pochte, und wandte sich den anderen Magiern zu. „Er hat diese Lagerhäuser in Laboratorien für eine Reihe von abscheulichen Experimenten verwandelt. Seht selbst, werte Kollegen, seht die Früchte seiner Arbeit.“ Er öffnete die Truhe und hielt sie so, dass alle ihren Inhalt sehen konnten.

Die verwesenden Überreste einiger Ratten befanden sich darin. Zwei bewegten sich noch mühselig, unbeholfen hoffnungslose Fluchtversuche unternehmend, an den Seiten der Truhe entlang. Einige der anwesenden Magier sprangen auf die Füße und eine allgemeine Bestürzung machte sich breit. Selbst der goldhaarige Hochelf, der bisher still im Hintergrund gesessen hatte, schien erschrocken. Und das, obgleich Prinz Kael’thas ein Mann war, dessen hohes Alter eine solche Regung fast unmöglich erscheinen ließ.

Kel’Thuzad wandte sich den gefangenen Ratten zu und sah, dass sie zusammengebrochen waren und sich nicht mehr rührten. Ein erneuter Fehlschlag, wie es schien. Egal - eines Tages würde er ein beständiges untotes Exemplar erschaffen, das seine harte Arbeit rechtfertigen würde. Es war nur eine Frage der Zeit.

Der Zauber, der dich verstummen lässt, enthält lose Fäden. Soll ich dir zeigen, wie du ihn auflösen kannst?

Die Zeit und sein unbekannter Verbündeter, dessen geheimnisvolle Stimme ihm hin und wieder weitergeholfen hatte, ließen ihn Schritt für Schritt seinem Ziel näher rücken. Zeig es mir, dachte er.

Eine junge Frau erschien, begleitet von einem weiteren Lichtblitz. Als sie sich an Antonidas’ Seite begab, folgte der Blick des Hochelfen ihr mit bewegter, nachdenklicher Intensität. Aber Jaina Prachtmeer schenkte ihm keine Beachtung; sie war völlig auf ihre Aufgabe konzentriert. Der gut aussehende Prinz hatte nicht den Hauch einer Chance.

Ihre klaren, blauen Augen warfen Kel’Thuzad einen neugierigen Blick zu, als sie die Truhe begutachtete. „Mein Lehrling wird dafür sorgen, dass die Truhe und ihr Inhalt verbrannt werden“, erklärte Antonidas.

Die Frau neigte ihren Kopf leicht und teleportierte sich aus dem Raum heraus, während der Hochelf dem leeren Platz, an dem sie noch vor Kurzem gestanden hatte, einen verbitterten Blick zuwarf. Unter anderen Umständen hätte Kel’Thuzad das lautlose Drama vermutlich amüsant gefunden. Doch Antonidas konnte nun seine Tirade wieder unangefochten fortsetzen. Stumm und vor Wut kochend versuchte Kel’Thuzad den Zauber abzustreifen, der ihn zum Schweigen verdammte.

„Wir haben diesen Zuständen lange genug tatenlos zugesehen. Dann und wann haben wir ihm für seine fragwürdigeren Bestrebungen eine Lehre erteilt. Wir haben versucht, ihn zu leiten. Und jetzt müssen wir feststellen, dass er die ganze Zeit hinter unseren Rücken schwarze Magie praktiziert hat. Die hiesigen Dorfbewohner fangen an, den Namen der Kirin Tor zu verfluchen.“

„Lügen!“, schrie Kel’Thuzad heraus, und hatte sofort einige der versammelten Magier wieder auf seiner Seite. Sie hofften begierig auf eine Erklärung. „Die Bauern erinnern sich so gut wie wir an den Zweiten Krieg. Wie sehr Ihr die Orcs auch verabscheuen mögt, Ihr könnt nicht leugnen, dass ihre Hexenmeister über große Macht verfügten. Eine Macht, der wir nur wenig entgegenzusetzen hatten. Es ist unsere Pflicht, diese Form der Magie zu erlernen und zu verstehen, damit wir sie bekämpfen können.“

„Um eine Armee untoter Ratten zu erschaffen, deren unnatürliche Existenz gerade einmal Stunden währt?“, fragte Antonidas in einem trockenen Tonfall. „Ja, mein Junge, ich habe auch Eure Tagebücher gefunden. Ihr habt Eure abscheulichen Experimente äußerst detailliert aufgezeichnet. Glaubt Ihr etwa ernsthaft, diese armseligen Kreaturen könnten etwas gegen die Orcs ausrichten? Gesetzt den Fall natürlich, dass sie überhaupt jemals wieder eine Bedrohung darstellen könnten, sollten sie ihre momentane Lethargie abstreifen und aus den Gefangenenlagern entkommen.“

„Bloß weil ich jünger bin als Ihr, macht mich das noch lange nicht zum Kinde“, erwiderte Kel’Thuzad. „Die Ratten sind lediglich der Maßstab, an dem ich meine Fortschritte messe. Eine völlig normale Experimentiertechnik.“

Antonidas seufzte. „Es ist mir bewusst, dass Ihr dieser Tage den Großteil Eurer Zeit im Norden verbringt. Eure immer länger währenden Abwesenheiten waren es schließlich, die überhaupt erst meine Aufmerksamkeit erregten. Aber selbst Euch kann es nicht entgangen sein, dass die neue Besteuerung des Königs zu Unruhen unter den Bürgern geführt hat. Eure selbstsüchtige Gier nach Macht könnte zu einem Aufstand führen. Ganz Lordaeron könnte von einem Bürgerkrieg verschlungen werden.“

Er hatte nichts von der Besteuerung gewusst, Antonidas übertrieb vermutlich maßlos. Davon abgesehen sollten wahre Magier sich wichtigeren Dingen widmen. „Ich werde in Zukunft diskreter vorgehen“, bot er zähneknirschend an.

„Selbst die größte Diskretion könnte ein Geheimnis dieser Größenordnung nicht verbergen“, sagte Dendren.

Modera fügte hinzu: „Ihr solltet selbst am besten wissen, dass wir schon immer die empfindliche Balance wahren mussten, das Volk zu beschützen ohne dabei selbst zu einer Gefahr zu werden. Wir können es nicht riskieren, unsere Menschlichkeit zu opfern. Weder dürfen wir diesen Anschein geben, noch dürfen wir zulassen, dass dies tatsächlich geschehen könnte. Eure Methoden werden uns noch alle als Ketzer brandmarken.“

Das war zuviel. „Wir werden schon seit Jahrhunderten als Ketzer gebrandmarkt. Die Kirche war noch nie mit unseren Methoden einverstanden. Aber all dem zum Trotz gibt es uns immer noch.“

Sie nickte. „Weil wir uns von der schwarzen Magie fernhalten, die nur zu Korruption und Chaos führt.“

„Weil sie uns brauchen!“

„Das reicht.“ Antonidas klang des Streitens überdrüssig. Zu Modera und Drenden sagte er: „Wenn Worte allein ihn noch erreichen könnten, hätten sie dies schon lange zuvor getan.“


„Ich habe Eure Worte gehört“, sagte Kel’Thuzad verbittert. „Gütige Götter, ich habe sie mir so lange anhören müssen, bis mir schlecht von ihnen wurde! Ihr seid es doch, die sich weigern, die meinen zu hören. Legt Eure veralteten Ängste ab und...“

„Ihr scheint den Grund unserer Anwesenheit hier misszuverstehen“, unterbrach ihn Antonidas. „Wir sind nicht hier, um mit Euch zu diskutieren. All Eure Besitztümer werden genau jetzt sorgfältig durchsucht und sämtliche Gegenstände, die von schwarzer Magie beschmutzt sind, werden konfisziert und zerstört werden.“

Sein namenloser Verbündeter hatte ihn davor gewarnt, dass dieser Fall eintreten könnte, aber Kel’Thuzad hatte es nicht wahrhaben wollen. Er fühlte eine seltsame Erleichterung darüber, wie sich die Dinge gewendet hatten. Das Bedürfnis nach Geheimhaltung hatte ihm Beschränkungen auferlegt, seine Fortschritte verlangsamt.

„Aufgrund der Beweislage“, sagte Antonidas mit schwerer Stimme, „hat König Terenas unserem Urteil zugestimmt. Solltet Ihr Euch nicht augenblicklich von diesem Wahnsinn abwenden, werden Euch Euer Rang und Eure Besitztümer abgesprochen werden und Ihr werdet nicht nur aus Dalaran, nein, aus ganz Lordaeron verbannt werden.“

Kel’Thuzad verbeugte sich und verließ die Halle. Seine Gedanken rasten. Zweifellos würden die Kirin Tor versuchen, diese so genannte Schande geheim zu halten, da sie die möglichen Auswirkungen fürchteten, sollten seine Experimente an die Öffentlichkeit dringen. Dieses eine Mal würde ihm ihre Feigheit zu seinem Vorteil gereichen. Seine Reichtümer würden niemals an den König übergehen.

* * * * *

in Rudel Wölfe verfolgte Kel’Thuzad schon seit Meilen, gerade außerhalb der Reichweite seiner Zauber, bis sie endlich von ihm abließen. Als er über seine Schulter schaute, konnte er sehen, wie sie die Zähne fletschten und mit angelegten Ohren davonrannten. Glücklicherweise hatten die arktischen Winde mittlerweile auch nachgelassen. In der Entfernung konnte er den Gipfel ausmachen, eine kahle Bergspitze, deren Anblick ihn mit einem großen Triumphgefühl und Vorfreude erfüllte: Der Gipfel von Eiskrone. Nur wenige Entdecker hatten sich diesen Gletscher empor gewagt und nur wenige von diesen hatten wiederum überlebt, um von ihren Entdeckungen berichten zu können. Aber er, Kel’Thuzad, würde die eisigen Höhen erklimmen und von seinem Gipfel auf den Rest der Welt herabschauen.

Unglücklicherweise existierten so gut wie keine Karten des frostigen Kontinents Nordend, und selbst die, die er gefunden hatte, waren äußerst inadäquat. Ähnlich verhielt es sich mit den Vorräten, die er mitgebracht hatte. Da er weder um seinen genauen Zielort wusste, noch den Weg dorthin kannte, war seine Teleportationsmagie nutzlos und er stapfte unbeirrt weiter. Er wusste schon nicht mehr, wie lange er unterwegs war, und trotz seines Fellmantels zitterte er bitterlich. Seine Beine fühlten sich wie Steinsäulen an, starr und unbeholfen, und sein Körper würde schon bald ermüden. Wenn er nicht bald einen Unterschlupf finden würde, wäre sein Tod unausweichlich.

Da erspähte er einen Lichtfunken, der von einem steinernen Obelisken ausging, in den allerlei magische Symbole hineingeritzt waren. Hinter dem Obelisken konnte er eine Zitadelle ausmachen. Endlich hatte er sein Ziel erreicht! Er rannte an dem Obelisken vorbei und passierte eine Brücke, die aus purer Energie zu bestehen schien. Die Tore der Zitadelle schwangen auf, als er sich ihnen näherte, aber er hielt inne.

Der Eingang wurde von zwei grotesken Kreaturen bewacht, deren Unterkörper dem von riesigen Spinnen glich. Sechs schmale Beine stützten das Gewicht der Kreaturen und ihre anderen beiden Gliedmaßen entsprangen Armen gleich einem menschenähnlichen Torso. Er war allerdings weit mehr vom Zustand der Kreaturen fasziniert, als von ihnen selbst. Ihre Körper waren von offenen Wunden übersät, die schlimmsten davon notdürftig bandagiert, und die Arme der einen Wache waren unnatürlich abgewinkelt. Der anderen Wache lief ein Sekret aus dem mit Fangzähnen besetzten Maul, sie machte aber keinerlei Bemühungen, es fortzuwischen.

Trotz des üblichen Gestanks des Untodes zeigten die Wachen keinerlei Anzeichen von Verwirrtheit, ganz im Gegensatz zu Kel’Thuzads Ratten. Die spinnenähnlichen Kreaturen mussten außerdem weiterhin über einen Großteil ihrer ursprünglichen Stärke und Koordinationsfähigkeit verfügen, ansonsten würden sie keine guten Wachen sein können. Ihr Erschaffer war eindeutig ein hochbegabter Nekromant.

Zu seiner Überraschung traten sie zur Seite, um ihn passieren zu lassen. Sein Glück nicht in Frage stellen wollend trat er erwartungsvoll in die Zitadelle ein, in der es deutlich wärmer war. In dem vor ihm liegenden Gang stand eine arg mitgenommen aussehende Statue eines der Spinnenwesen. Die Zitadelle als solches schien vor nicht allzu langer Zeit erbaut worden zu sein, aber die Statue war recht alt. Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel ihm wieder ein, dass er in den Ruinen auf seinem Weg nach Norden ähnliche Statuen gesehen hatte. Die Kälte musste seine Sinne abgestumpft haben.

Er nahm an, dass der Nekromant ein Königreich dieser Spinnenwesen erobert, sie in untote Sklaven verwandelt und ihre Reichtümer als Kriegsbeute an sich gerissen hatte. Er jubelte innerlich auf, hier würde er sicherlich mächtiges Wissen erlangen können.

Dann sah er am Ende der Halle eine gigantische Kreatur näher kommen, eine groteske Mischung aus einer Spinne und einem Käfer. Sie wankte mit bedächtiger Geschwindigkeit auf ihn zu und er konnte sehen, dass ihr mächtiger Körper von noch mehr Wunden und Bandagen übersät war, als die der Wachen. Die Kreatur war untot, genau wie die Wachen, allerdings verängstigte ihn ihre schiere Masse mehr, als dass sie ihm imponierte. Er zweifelte daran, dass er über ausreichende Fähigkeiten verfügte, ein solches Monster besiegen zu können. Davon, es von den Toten zu beschwören, ganz zu schweigen.

Die Kreatur begrüßte ihn in einer tiefen Bassstimme, die in ihrem schwerfälligen Körper wiederzuhallen schien. Obgleich sie perfekt verständliche Gemeinsprache sprach, jagte ihm der Klang ihrer Stimme einen Schauer über den Rücken. Seltsame surrende und klickende Geräusche schwangen in ihrer Stimme mit. „Der Meister erwartet Euch, Erzmagier. Ich bin Anub’arak.“

Die Kreatur hatte sowohl die benötigte Intelligenz als auch die motorischen Fähigkeiten, um kommunizieren zu können. Verblüffend! „Ja, ich möchte sein Lehrling werden.“

Die riesige Kreatur sah schweigend auf ihn herab. Möglicherweise dachte sie darüber nach, wie er wohl schmecken würde.

Er räusperte sich nervös: „Könnt Ihr mich zu ihm bringen?“

„Alles zu seiner Zeit“, brummte Anub’arak. „Bisher habt Ihr Euer Leben dem Streben nach Wissen gewidmet, ein bewundernswertes Ziel. Aber Euer Leben als Magier kann Euch nicht ausreichend darauf vorbereitet haben, dem Meister zu dienen.“

Was konnte der Grund für diese Rede sein? Sah der Majordomus Kel’Thuzad etwa als einen Rivalen an? Dieses Missverständnis musste er schnellstmöglich aufklären. „Als ein ehemaliges Mitglied der Kirin Tor verfüge ich über mehr Magie, als Ihr Euch auch nur vorstellen könntet. Ich bin mehr als bereit, jeden Auftrag zu erfüllen, den der Meister mir auferlegt.“

„Wir werden sehen.“"


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